Naturwein aus Georgien ist ungeschönter, traditionell hergestellter Wein, der samt Schalen, Kernen und natürlichen Hefen in unterirdischen Tonamphoren – den Qvevris – vergoren wird. Diese 8000 Jahre alte Methode kommt ohne künstliche Zusätze oder Filtration aus. Das Ergebnis sind extrem aromatische, texturreiche Weine mit spürbaren Tanninen, tiefen Fruchtnoten und oft bernsteinfarbener Optik bei Weißweinsorten.
Wenn ich freitags über den Wochenmarkt am Kreuzberger Maybachufer schlendere und frische Kräuter für eine große Portion Chakapuli einkaufe, freue ich mich schon auf den Abend. Denn zu einem guten georgischen Essen gehört zwingend der passende Wein. Neulich saßen wir mit ein paar Freunden auf dem Balkon, haben eine Flasche entkorkt und ich musste einfach grinsen. Die Gesichter, wenn jemand zum ersten Mal einen echten Qvevri-Wein im Glas hat, sind unbezahlbar.
Erst irritiertes Schnuppern, dann der erste Schluck und schließlich pure Neugier. Dieser Wein ist nicht brav oder im Labor glattgebügelt. Er schmeckt nach feuchter Erde, wilden Kräutern und ehrlichem Handwerk.
Die Magie des Qvevris: Mehr als nur ein Tonkrug
Wenn man durch Kachetien im Osten Georgiens fährt, riecht die Luft im Herbst nach Traubenmost und Holzfeuer. Hier schlägt das Herz der georgischen Weinherstellung. Die Trauben werden oft noch traditionell gepresst und wandern mitsamt Schalen, Kernen und teilweise Rappen direkt in den Qvevri. Das sind riesige, handgeformte Tonkrüge, die komplett in der Erde vergraben sind.
Dort unten gärt der Wein bei konstanten Temperaturen ganz von allein. Keine Reinzuchthefen, kein Schnickschnack, man vertraut komplett auf das, was die Natur mitbringt. Wenn du genauer wissen willst, warum Naturwein aus Georgien gerade die Weinwelt auf den Kopf stellt, lass dir gesagt sein: Es ist genau diese radikale Rückkehr zum Ursprung.
Die Pflege dieser Krüge ist übrigens eine Kunst für sich. Nach der Gärung klettern die Winzer in die leeren Amphoren hinab, um sie von Hand mit Bürsten aus Kirschbaumrinde zu schrubben. Diese penible Hygiene ist essenziell, denn beim Naturwein gibt es keine Chemie, die Fehler verzeiht.
Orangenwein: Bernsteinfarbene Tiefe im Glas
In den europäischen Weinbars ist „Orange Wine“ ein ziemlicher Hype, aber in Georgien macht man das schon seit Jahrtausenden so. Rkatsiteli und Mtsvane sind die weißen Vorzeigerebsorten, die durch den langen Schalenkontakt im Qvevri diese fantastische Bernsteinfarbe bekommen. Der Geschmack ist intensiv, fast schon zupackend und extrem vielschichtig.
Du riechst getrocknete Aprikosen, geröstete Walnüsse und vielleicht einen Hauch von Bienenwachs. Am Gaumen spürst du Gerbstoffe, die man sonst eigentlich nur von kräftigem Rotwein kennt. Wer dieses Profil in seiner reinsten Form erleben will, sollte sich den 6x Loladze RKATSITELI+MTSVANE QVEVRI trockener Orangenwein zulegen. Dieser Wein hat eine unglaubliche Struktur, ordentlich Grip und verlangt förmlich nach einem würzigen Essen.
Saperavi: Die tiefschwarze Seele des Kaukasus
Wechseln wir die Farbe, denn auch rote Naturweine aus Georgien sind eine Klasse für sich. Saperavi bedeutet übersetzt „Färber“ und der Name ist absolutes Programm. Anders als die meisten roten Trauben hat Saperavi nicht nur rote Schalen, sondern auch rotes Fruchtfleisch. Der Wein fließt fast tintenschwarz ins Glas.
Er duftet nach reifen Brombeeren, dunklen Kirschen und ein bisschen nach feuchtem Waldboden. Für den Einstieg empfehle ich immer gern den Loladze SAPERAVI KHASHMI Rotwein trocken – 2023 – 0,75 l. Er bringt die typische Kraft der Rebsorte mit, bleibt aber durch seine natürliche Säure erstaunlich frisch und trinkig.
Wenn ihr Gäste erwartet und ein deftiges Abendessen plant, greift am besten direkt zum 3x Loladze SAPERAVI KHASHMI Rotwein trocken. Und für alle, die – wie ich – nicht mehr ohne diesen charakterstarken Tropfen auskommen, lohnt sich der 6x Loladze SAPERAVI KHASHMI Rotwein trocken. Dieser Saperavi aus der geschützten Mikrozone Khashmi ist berühmt für seine feinen rauchigen und erdigen Noten, die ihn so unverkennbar machen.
Essen und Naturwein: Wie man die Aromen bändigt
Naturwein aus dem Qvevri ist definitiv kein Wein zum gedankenlosen Nebenbeitrinken. Er braucht einen starken Gegenspieler auf dem Teller. Die präsenten Tannine in den bernsteinfarbenen Weinen schneiden wunderbar durch Fett und intensive Gewürze.
- Georgische Walnusspaste (Pkhali) oder Auberginenröllchen (Badrijani) passen perfekt zum Orangenwein.
- Ein saftiges, über dem offenen Feuer gegrilltes Mtsvadi (Schaschlik) ruft laut nach einem kühlen Glas Saperavi.
- Gereifter, salziger Käse oder ein frisch gebackenes Khachapuri funktionieren eigentlich immer.
Generell gilt: Je kräftiger und komplexer das Essen, desto wohler fühlt sich ein echter georgischer Wein. Die intensiven Aromen auf dem Teller und im Glas schaukeln sich gegenseitig hoch, ohne dass einer von beiden untergeht.
Tipps für Einsteiger und Entdecker
Vergesst die klassischen, strengen Weinregeln. Georgischer Naturwein tickt ein bisschen anders und verlangt vor allem eins: Geduld. Gebt den Flaschen nach dem Transport ein paar Tage Ruhe im Keller, bevor ihr sie aufmacht. Wenn ihr den Korken zieht, gebt dem Wein unbedingt Luft.
Ich gieße Qvevri-Weine oft in eine Karaffe, damit sie atmen können. Die Aromen brauchen Platz, um sich zu entfalten. Und trinkt die bernsteinfarbenen Weine bitte nicht direkt aus dem Kühlschrank. Bei 12 bis 14 Grad Celsius kommen die feinen Walnuss- und Aprikosennoten erst richtig zur Geltung.
Wer sich erst einmal entspannt durchprobieren möchte, findet in der Kategorie Pakete eine großartige Auswahl, um verschiedene Stile kennenzulernen. Es gibt einfach unfassbar viel zu entdecken, wenn man sich auf diesen Naturwein aus Georgien: Roher Geschmack direkt aus dem Qvevri einlässt.
Ein Toast auf das echte Handwerk
Am Ende des Tages ist georgischer Naturwein mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Einladung, Wein wieder als das zu sehen, was er ursprünglich war: ein landwirtschaftliches Erzeugnis, das tief mit dem Boden und den Menschen verbunden ist, die ihn gemacht haben. Schnappt euch eine Flasche, ladet ein paar gute Freunde ein, kocht etwas Deftiges und lasst euch auf dieses uralte Abenteuer ein. Gaumarjos!